Über den geplanten Auftritt des letzten SED-Vorsitzenden am 9. Oktober hatte ich mich bereits geäußert. Auch über die Infantilisierung der Friedlichen Revolution durch merkwürdige „Events“ im Rahmen der sogenannten Revolutionale. Leider ist damit das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht.

Im Programmheft der „Revolutionale“, herausgegeben von der „Stiftung Friedliche Revolution“ erfährt man nun von der Einbindung einer Veranstaltung am 4. Oktober mit dem Titel „Wie werde ich Rebell*in?“

Im Internet sind hierzu folgende Erläuterungen zu finden: „Du wirst Teil einer Rebell*innengruppe. In einer Mischung aus Lecture (…), Gespräch (…) und einer gemeinsamen Blockade im öffentlichen Raum erfährst du, wie aus Klimakatastrophenangst eine gewaltfreie Protestbewegung entsteht. (Bitte bequeme und beschmutzbare Kleidung anziehen.)“

Vielleicht kann man auch einfach sagen: Linksextremistisches Demo-Training?

Ich erinnere mich jedenfalls nicht, dass 1989 solche oder ähnliche „Schulungen“ durchgeführt wurden. Zumindest nicht auf Seiten der Demonstranten. Aber vielleicht ging es uns ja auch damals mehr um Inhalt als um Inszenierung.

Und unabhängig von 1989 behaupte ich: 99,9% der Menschen, die täglich in unserem Land für oder gegen etwas demonstrieren, tun das ohne besonderes Augenmerk auf „beschmutzbare Kleidung“, vor allem jedoch ohne Angst vor Willkür staatlicher Organe.

Genau das wäre vielleicht auch eine Botschaft, die eine „Stiftung Friedliche Revolution“ an eine quasi-totalitäre Bewegung wie „Extinction Rebellion“ richten könnte, statt mit dieser gemeinsame Sache zu machen.

In der Satzung der „Stiftung Friedliche Revolution“ erfährt man übrigens, dass der Stiftungszweck insbesondere verwirklicht wird durch „das Bemühen um ein würdiges Gedenken des 9. Oktobers 1989“.
Leider scheint das immer häufiger schief zu gehen. Berücksichtigt man, dass Vorsitzender und Stellvertretender Vorsitzender der Stiftung erst 1993 bzw. 1992 aus Westdeutschland nach Leipzig gezogen sind, ist das Ganze wenig überraschend.

Es bleibt trotzdem ärgerlich.

Manches ist jedoch nicht nur ärgerlich, sondern vielleicht sogar verletzend, vor allem für diejenigen, die in besonderer Weise unter Bespitzelung und Unfreiheit in der DDR leiden, die persönliche oder berufliche Nachteile in Kauf nehmen mussten.

So zum Beispiel eine Veranstaltung am Sonnabend, dem 5. Oktober. An diesem Tag wurde das Revolutionale-Büro zu einem „Blind-Date-Café“ umfunktioniert. Bürger und Kommunalpolitiker sollten so ins Gespräch gebracht werden.

Eingeladen und auch anwesend war z.B. Stadtrat Külow, SED-Mitglied seit 1979 und heute in der Linkspartei, Diplomlehrer für Marxismus-Leninismus, überregional bekannt geworden auch als Stasi-IM Ostap, der für Prämien bis 350 Ostmark oder 50 D-Mark noch 1989 Menschen bespitzelte, Berichte schrieb und sich noch 1990 mit seinem Führungsoffizier traf. („Ich fand es in Ordnung und finde das auch heute noch.“)

Zumindest kann man Herrn Külow nicht vorwerfen, in die Ereignisse von 1989 nicht involviert gewesen zu sein. Ein „Blind-Date“ mit ihm ist zwar heute weit weniger gefährlich, als vor der Friedlichen Revolution – dennoch ist das Ganze aus meiner Sicht mehr als eine Geschmacks- oder Stilfrage.

Natürlich kann man als „Stiftung Friedliche Revolution“ auch ehemaligen Stasi-Spitzeln eine Bühne bieten, wenn man das möchte. Jedoch ist es wenig glaubwürdig, die AfD dann nicht einzuladen und das damit zu begründen, dass sie „nicht auf dem Boden unserer demokratischen Grundordnung steht“. Von der Aktenlage her ist das bei Herrn Külow jedenfalls mindestens genauso zweifelhaft wie bei Björn Höcke.

Bedauerlicherweise wird die „Revolutionale“ mit dem Geld der Steuerzahler finanziert. Und sie steht unter Schirmherrschaft des Sächsischen Ministerpräsidenten. Offensichtlich hat man diesem vorher nicht konkret mitgeteilt, was man eigentlich veranstalten will.

Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass Michael Kretschmer gern Schirmherr für Blockadetraining und Stasispitzel sein möchte.

Leider muss ich feststellen: 30 Jahre nach den Leipziger Montagsdemonstrationen bleibt einem als damals Beteiligten offenbar nur noch, die neuzeitlichen Happenings weitgehend zu ignorieren und stattdessen das im Herbst 89 selbst Erlebte im Herzen zu bewahren, möglichst weiterzuerzählen oder aufzuschreiben.

Ansbert Maciejewski 7/10/2019