Leipzig, Polen, China und der 4. Juni 1989

4. Juni 1989. Leipzig.

Einige hundert Menschen in Leipzig nehmen an einer Veranstaltung unter dem Motto „Eine Hoffnung lernt gehen – 2. Pleißepilgerweg“ teil. Verschiedenen Umweltgruppen unter dem Dach der Kirche hatten organisiert, die Stasi hatte verboten. Es gab vorläufige Festnahmen. Hausarrest und hohe Ordnungsstrafen wurden verhängt.

Über Umweltverschmutzung wurde offiziell nicht geredet in der DDR. Umweltdaten unterlagen der Geheimhaltung. Leipzig war die Großstadt der DDR mit der stärksten Umweltbelastung. Umgeben von Leuna, Böhlen, Espenhain, Bitterfeld und Wolfen konnte der Wind aus nahezu jeder Richtung kommen – es roch immer nach irgendwas Ungesundem. Die Pleiße war damals ein toter Fluss, der Schaumberge transportierte und nach Chemie stank. Wer das erlebt hat, weiß auch, was wirkliche Umweltverschmutzung ist. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass eine große Zahl alteingesessener Leipziger die heutigen Diskussionen über Feinstaub- und Stickoxidgrenzwerte amüsiert bis fassungslos verfolgt.

Heute ist die Luft in Leipzig sauberer, viel sauberer als 1989. Und in der Pleiße gibt es sogar wieder Fische.

Eigentlich erstaunlich, oder? Haben doch die Grünen auf Bundesebene in den letzten dreißig Jahren nur ganze 7 Jahre mitregiert – und in Sachsen überhaupt nicht. An Massendemonstrationen von Schulkindern kann ich mich irgendwie auch nicht erinnern. Offensichtlich funktionierte eine Verbesserung der Umweltqualität bisher auch ohne derartiges…

Damals, am 4. Juni 1989 zum Pleißepilgerweg zu gehen, war jedenfalls nicht cool. Es war gefährlich. Wer trotzdem dort war, hat tatsächlich Mut bewiesen.

Und für mich bleiben diese Pleißepilger von 1989 die glaubwürdigsten Umweltschützer überhaupt.

Bis heute.

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4. Juni 1989. Polen.

Im Ergebnis der langjährigen Solidarność-Proteste fanden die ersten teilweise freien Wahlen des damaligen Ostblocks in Polen statt. 35% der Sitze im Sejm wurden frei gewählt, der Rest noch von den Kommunisten besetzt.

Damit begann der Untergang des Kommunismus in den Staaten Mittel- und Osteuropas. Der erste Grundstein für den Fall der Berliner Mauer und die Deutsche Einheit wurde hier gelegt.

Ein guter Tag um zu sagen: Danke, Polen!

Mit dem Ende des Kommunismus durfte sich auch die in Polen lebende deutsche Minderheit offiziell organisieren. Der Oppelner Bischof Alfons Nossol führte am 4. Juni 1989 auf dem oberschlesischen St. Annaberg erstmals seit dem Ende des 2.Weltkrieges wieder einen katholischen Gottesdienst in deutscher Sprache ein.

Für seine Verdienste um die Aussöhnung und Verständigung zwischen Deutschen und Polen erhielt Alfons Nossol eine große Zahl polnischer, deutscher und europäischer Auszeichnungen. Die Wiedereinführung des deutschsprachigen Gottesdienstes auf dem St. Annaberg brachte ihm dagegen die namentliche Erwähnung in einer solch putzigen Publikation wie „Erinnerungsorte der extremen Rechten“ ein.

Übrigens: Immer am ersten Sonntag im Juni versammeln sich die Deutschen in Polen zu einer Wallfahrt am St. Annaberg – gemeinsam mit anderen nationalen Minderheiten. Und den deutschsprachigen Gottesdienst gibt es jeden Sonntag um 15:30 Uhr.

Bis heute.

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4. Juni 1989. China.

Chinesische Kommunisten sorgen auf dem „Platz des Himmlischen Friedens“ in Peking für Totenstille. Ostberliner Kommunisten begrüßen das und feiern die erfolgreiche Niederschlagung der „Konterrevolution“. 

Dass 1989 in der DDR mit Ereignissen endete, die wir heute als friedliche Revolution bezeichnen, war zu diesem Zeitpunkt nicht sehr wahrscheinlich.

Wie viele Menschen in Peking genau ihr Leben verloren, weiß man nicht. In China findet keine Aufarbeitung statt. Und am heutigen Tag auch kein Gedenken, wie man lesen kann.

Deutschland hat dennoch gute Kontakte nach China, insbesondere geschäftliche. Die meisten hiesigen Protagonisten des Chinabusiness wollen auch nicht wirklich über Menschenrechtsfragen reden und sind peinlich berührt bis entrüstet, wenn es trotzdem jemand tut. Ich erinnere mich noch ziemlich genau an eine Ratsdebatte in Leipzig zum Deutsch-chinesischen Zentrum im Jahr 2002, bei der mir meine große Klappe im Nachgang einigen Ärger eingebracht hat.

Politisch Verfolgte genießen Asylrecht, steht in unserem Grundgesetz. Chinesen machen eher selten davon Gebrauch. Zu unserem Glück – wird doch in China vermutlich eine größere Zahl Menschen politisch verfolgt, als im Rest der Welt zusammengenommen.

Trotz der guten Geschäfte, die wir dort machen.

Bis heute.

04/06/2019 – Ansbert Maciejewski

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2 Kommentare

  1. Mario Käppel

    Warum erst jetzt, warum erst jetzt nach einer Wahl, die nicht so gut ausging, warum erst jetzt lese ich solche guten offenen, Kommentare zu Dingen, die gesagt werden müssen.

    Schönen Gruß auch an den Fraktionsvorsitzenden, auch als Kommunalpolitiker kann man sich gegen den Bundestrend stemmen.

    Gruß Mario

  2. Ansbert

    Also ich schreibe hier eigentlich schon seit mehreren Jahren offene Kommentare 🙂

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