„Stell Dir vor, es kommt Krieg und keiner geht hin“

1.September.

Im Jahr 1939 begann an diesem Tag der Zweite Weltkrieg mit dem Beschuss eines polnischen Munitionslagers auf der Westerplatte bei Danzig  durch das deutsche Marine-Schulschiff Schleswig-Holstein. Die Deutsche Wehrmacht marschierte auf Befehl Hitlers in Polen ein.

Am Jahrestag des Kriegsbeginns finden vielerorts in Deutschland  Gedankveranstaltungen für die Opfer von Krieg, Gewalt und Vertreibung statt.

So auch heute in Leipzig, traditionell am Ehrenmal für die polnischen Kriegstoten auf dem Ostfriedhof.

Ich hab Krieg nicht selber erlebt. Gottseidank. Ich kenne ihn nur aus Erzählungen meiner Großeltern und denen meines Vaters.

Aber ich habe Krieg gesehen. In den 90ern bei Hilfstransporten auf dem Balkan, Ich hab zerstörte Städte und Dörfer und Flüchtlingslager von innen gesehen. Mitten in Europa, in Kroatien und Bosnien. Bis heute kann man die Spuren des Krieges dort sehen.

Der Balkankrieg wurde durch den Dayton-Vertrag beendet. Dass es dazu kam, ist nicht das Verdienst von Demonstranten mit bunten Pace-Fahnen. Die Einsätze der Soldaten der NATO-Staaten haben bei den Balkan-Kriegsparteien mit Sicherheit einen stärkeren Eindruck hinterlassen, als alle pazifistischen Demonstrationen zusammen. Und auch Auschwitz wurde nicht von Maulhelden, sondern von Soldaten befreit.

Oft wird Brecht zitiert, jedoch leider nur verkürzt: „Stell Dir vor, es kommt Krieg und keiner geht hin“.

Der Rest des Textes wird meistens unterschlagen. Er passt nicht ins Bild:

„Stell Dir vor, es kommt Krieg und keiner geht hin – dann kommt der Krieg zu Euch! Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt, und lässt andere kämpfen für seine Sache, der muss sich vorsehen: denn wer den Kampf nicht geteilt hat, der wird teilen die Niederlage. Nicht einmal Kampf vermeidet, wer den Kampf vermeiden will: denn es wird kämpfen für die Sache des Feinds, wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat.“

Heiner Geißler hat 1983 mit „Der Pazifismus der 30er Jahre hat Auschwitz erst möglich gemacht“ Tumult und Proteste im Bundestag ausgelöst. Bei Sozialdemokraten und Grünen.
Ende der 90er Jahre waren es dann ausgerechnet Joschka Fischer und Gerhard Schröder, die die Bundeswehr in den Kosovo schickten, um Menschenrechten zu schützen.

Heute hört man wieder sehr oft, Konflikte dürften nicht mit militärischen Mitteln gelöst werden. Wo wären wir eigentlich jetzt, wenn die Alliierten vor mehr als 70 Jahren genau diese Auffassung vertreten hätten?
Mit al-Baghdadi heute wird ebenso wie mit dem Wahnsinnigen aus der Reichskanzlei damals kein Dialog über Frieden und Menschenrechte möglich sein. Tausende Flüchtlingsfamilien sind der eindrückliche Beweis dafür.

Heinz Rudolf Kunze veröffentlichte auf seiner Facebook-Seite am 1. September 2014 folgenden Text. Besser kann man es nicht ausdrücken:

Als Pazifist

Ich wasche meine Hände
in der Unschuld fremder Opfer
ich bin Pazifist
was ist schlecht daran
gar nichts
nur daß es schlecht ist
nur daß es selbstgerecht ist
nur daß es feige ist
in all seinem tollkühnen Friedensmut
in all seiner rasenden Friedenswut
ich habe es trocken und warm
ich habe mehr zu essen und zu trinken als reingeht
ich höre keine Bombeneinschläge
ich höre keine Schüsse
man erzählt mir daß sie näherkommen
vielleicht stimmt das vielleicht stimmt das nicht
ich mag es nicht glauben
und schon gar nicht mag ich es wissen
schließlich werden wir doch andauernd nach Strich und Faden belogen
aber was wenn der Strich die rote Linie ist
die nicht überschritten werden darf
aber was wenn der Faden der Strick ist
an dem Unschuldige baumeln
es gibt Leute die sagen
es gäbe keine Unschuldigen
sowas sagt sich leicht wenn man es warm hat und trocken
wenn man den Schuß nicht gehört hat
es könnte ja auch an den Ohren liegen
eine Riesengemeinheit ist das
daß das Leben nie zu den schönen Theorien paßt
daß die Theorien immer nur stimmen
wenn man Opfer in Kauf nimmt
und sie unter den Teppich kehrt
bis ihr Blut nach oben durchsickert
als Pazifist ist man Minimalist
man behauptet alle Menschen zu lieben auch die Bösen
aber man möchte so wenig wie möglich mit ihnen zu tun haben
man benutzt den Balken im eigenen Auge als Zahnstocher
kein Wunder daß man sich dabei die Zähne ausschlägt
und als zahnloser Friedenstiger endet
über den Bösen nur lachen
jawohl sie lachen wenn sie Pazifist massakrieren
als Pazifist muß ich akzeptieren daß die Bösen das letzte Wort haben
und das letzte Wort wird ein Schuß sein
und dann lachen sie
mein Gott wie sie lachen

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2 Kommentare

  1. Thomas Rößler

    Ganz gut geschrieben. Aber mit einer Illusion sollten auch Sie aufräumen. Das bemühte Zitat mit dem Krieg zu dem keiner hingeht stammt nicht von Bertolt Brecht und die Ergänzung auch nicht. Oder finden Sie da die Quelle?

    Das Zitat von „Brille“ sagt doch genug über die Zweifel, die einen im Angesicht der Gewalt überkommen, da braucht es doch nicht irgendwelcher fälschlich zugeschriebenen Zitat, oder?

  2. Guter Text. Vom wem welches Zitat ist? Egal. es ist gut.

    Zitatgeber. Da helfe ich doch gern mal aus.
    https://tapferimnirgendwo.com/2016/02/11/stell-dir-vor-es-ist-krieg-und-keiner-geht-hin/

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