Leipzig: 30 Jahre Friedliche Revolution und Absurditäten im Vorfeld

Seit zehn Jahren gibt es in Leipzig eine Stiftung, die unter dem Namen „Stiftung Friedliche Revolution“ operiert. FREI_RAUM nennt sich ein Projekt, das diese Stiftung bis zum 9.Oktober auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz veranstaltet.
Dazu wird mitgeteilt: „Im 30.Jubiläumsjahr der Friedlichen Revolution ist die Klimabewegung ebenso ein Thema wie Wohnungslosigkeit oder neue Ansätze zur Geschichtsschreibung des Jahres ’89.“

Dass die Herrschaften das tatsächlich ernst meinen, zeigen sie dann durch Programmbeiträge wie:

  • Film: Styx (Notärztin Rike trifft beim Segeltörn auf ein havariertes Boot mit Geflüchteten)
  • Film: Mediterranea (Spielfilmdebüt von Jonas Carpignano über die Hintergründe der fremdenfeindlichen Unruhen im italienischen Rosarno von 2010)
  • Film: Das ist unser Land (Regisseur Lucas Belvaux deckt mit seinem Film Taktiken rechtsextremer Parteien auf.)
  • Film: Von Neonazis und Superhelden (Die Kleinstadt Themar und der Rechtsrock)
  • Film: Slumming (Sebastian und Alex ziehen durch schäbige Lokale in Wien und treiben ein gehässiges Spiel, auch mit Kallmann, einem dichtenden Quartalssäufer.)
  • Film: Seefeuer (Ein Jahr lang beobachtete Regisseur Gianfranco Rosi Leben und Alltag auf der „Insel der Hoffnung“, Lampedusa.)
  • Film: 475 (Dokumentarfilm über das Schicksal von Amina Filali und den Artikel 475 des marokkanischen Strafgesetzbuchs: ein Vergewaltiger bleibt straffrei, wenn er sein Opfer heiratet)
  • Workshop zum Thema „Hate Speech“ (In den sozialen Medien ist „Hate Speech“ allgegenwärtig – Strategien gegen ein weit verbreitetes Phänome)
  • Film: Die göttliche Ordnung (Schweizer Bergidyll 1971: eine junge Frau bringt die Dorf- und Familienordnung ins Wanken)
  • Film: Hamburger Gitter (17 Interviewpartner*innen aus Polizei, Medien, Wissenschaft, Justiz und Aktivismus zur Bilanz des G20-Gipfel in Hamburg 2017)
  • Film: Wildes Herz („Vorpommerns gefährlichste Band“ im Porträt)
  • Workshop zum Thema „Neue und extreme Rechte“ (Wir wollen den Fragen nachgehen, welche Vorstellungen die heutige extreme Rechte vertritt und mit welchen Mitteln und Strategien sie diese verbreitet …)
  • Der Aufstand der Würde (Film und Gespräch zur Zapatista-Bewegung in Mexiko)
    Ich weiß nicht, was man studiert haben muss, um diese Themen in irgendeinen sinnvollen Zusammenhang zum Herbst 1989 setzen zu können. Mir gelingt es jedenfalls nicht.
    Möglicherweise genügt es aber auch schon, einfach nur komplett unbeteiligt an den 89er Ereignissen gewesen zu sein. Zumindest würde ich das als Entschuldigung gelten lassen bei einer Stiftung, die sich zwar „Friedliche Revolution“ nennt, deren Vorsitzender aber aus Rheinland-Pfalz stammt und 1993 überhaupt erst nach Leipzig gekommen ist.
    Das Schöne ist jedenfalls: Niemand muss dort hingehen. Die Teilnahme an politischen Agitationsveranstaltungen ist heute weitgehend freiwillig.
    Und den meisten 89er Demonstranten wird es ohnehin genügen, am 9.Oktober mit der Kerze in der Hand über den Ring zu laufen. Mir eigentlich auch…

Ansbert Maciejewski 05/09/2019

← Vorheriger Beitrag

Nächster Beitrag →

2 Kommentare

  1. Mario Käppel

    Ich denke mir wird es auch genügen, mit der Kerze in der Hand,, die Ereignisse von damals Revue passieren zu lassen.

    Vielleicht sieht man sich ja.

    Gruß

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.