Lasst bitte endlich die Polen in Ruhe!

Dank sozialer Netzwerke kann man sich heutzutage auch bei einer Urlaubsreisen ins Ausland der Beschallung durch deutsche Medien nicht komplett entziehen. Während meiner Polen-Reise über den Jahreswechsel 2015/16 konnte ich also auch verfolgen, was in Deutschland über mein Reiseland geschrieben, geredet und gedacht wird.

Das Land würde sich aus der „europäischen Wertegemeinschaft“ verabschieden, kann man da lesen. Der Rechtsstaat würde quasi abgeschafft und die Freiheit der Medien sei in Gefahr und sogar die Demokratie, kurz – Polen befinde sich direkt auf dem Weg in die Diktatur.

Nicht nur die üblichen verdächtigen DPA-Meldungsabschreiber in den Medien verbreiten Panik. Erstaunlich ist, dass es jede Menge intelligente Menschen gibt, die das auch tun.

Viele der Reaktionen in Deutschland haben mit der aktuellen Situation in Polen so wenig zu tun, wie die Berichterstattung der DDR-Medien 1988/89 mit den tatsächlichen Verhältnissen damals.

Es gab 2015 keine Machtergreifung, sondern freie, gleiche und geheime Wahlen in Polen. Im Ergebnis haben wir es mit einer anderen Mehrheit im Sejm, einem anderen Präsidenten und einer anderen Regierung zu tun. Wenn eine Regierung abgewählt und eine neue gewählt wird, ist das kein Zufall, es gibt dafür immer auch Gründe.

Es sind keinerlei Anzeichen erkennbar, dass in Polen freie Wahlen abgeschafft werden sollen. Ein erneuter Regierungswechsel bei den nächsten Wahlen ist demnach genauso wenig ausgeschlossen, wie bei uns in Deutschland oder anderswo in der EU. Auch das Staatsoberhaupt in Polen kann aller fünf Jahre mittels Direktwahl durch ein anderes ersetzt werden, übrigens im Gegensatz zu Großbritannien, Spanien oder den Niederlanden. Oder auch im Gegensatz zu Deutschland…

Medienvielfalt ist nach wie vor gegeben, unterschiedlichste politische Auffassungen werden geschrieben, gesendet oder auf Demonstrationen öffentlich vertreten. So hat z.B. das Komitet Obrony Demokracji (Komitee zur Verteidigung der Demokratie) seit Ende 2015 mehrfach Protestveranstaltungen mit unterschiedlicher Resonanz in polnischen Städten organisiert. Neben Politikern der abgewählten ehemaligen Regierungsparteien PO und PSL sind nicht nur der Postkommunist Ryszard Kalisz von der SLD, sondern sogar Roman Giertych(!), ehemaliger Chef der LPR und Gründer der nationalistischen Allpolnischen Jugend als Teilnehmer dieser Demonstrationen gesehen worden.

Wie Regierung und Opposition in Polen miteinander umgehen – egal in welcher Konstellation -, mag vielen in Deutschland fremd sein. Mit Diktatur hat das Ganze aber überhaupt nichts zu tun. Hier sollten vor allem die verbal abrüsten, die selbst nie unter einer Diktatur leben mussten.

Ich fände es im Übrigen außerordentlich hilfreich, wenn man sich in der deutschen Politik und Gesellschaft und vor allem in den Medien mehr mit Polen beschäftigen würde, bevor man ungefragt Ratschläge erteilt, danach über die Antworten erschrickt und am Ende das Gegenteil von dem erreicht, was man eigentlich erreichen wollte.

Seit 25 Jahren bin ich regelmäßig in Polen, insgesamt habe ich wohl fast ein ganzes Jahr meines Lebens dort zugebracht, vermutlich mehr als manch schwadronierender Politiker mit Arbeitsort Brüssel. Ich behaupte, dass Polen auch diese Regierung überstehen wird. Und dass dieses freiheitsliebende Volk ganz allein und ohne Einmischung von Außen dafür sorgen wird, dass die Demokratie erhalten bleibt.

Die Polen sind das Volk, das vielleicht am meisten unter dem Sowjetkommunismus gelitten hat. Keiner kann konkret sagen, was ohne Solidarność, Wałęsa und Wojtyła passiert wäre, aber natürlich wurde das Ende des Kommunismus in Polen entscheidend mit eingeläutet.

Dieses Volk wird seine Freiheit nicht mehr hergeben.

Belehrungen von Außen sind gegenüber Polen besonders unangebracht. Das gilt besonders für Belehrungen aus Deutschland. .

Die Polen haben über mehrere Jahrhunderte immer wieder Teilungen, den Verlust eigener Staatlichkeit bis hin zu Unterdrückung erlebt.

Nazideutschland wollte Polen vernichten und hatte damit bereits begonnen. Es leben auch 70 Jahre nach Kriegsende noch jede Menge Zeitzeugen, die hierzu berichten können. Und es gibt Menschen, die Berichte ihrer Eltern kennen, Berichte über deutsche Herrenmenschen-Rhetorik und Gräueltaten. Auch Auschwitz-Birkenau berichtet davon. Ein Besuch dort ist sehr zu empfehlen. Besser sind mehrere Besuche. Und nein, wir sind für das was dort geschehen ist nicht verantwortlich. Aber wir werden das Erbe, die Schandtaten unserer Großväter und Urgroßväter nicht so einfach los. Hier ist Demut angesagt. Mindestens aber Zurückhaltung und Sensibilität bei der Wortwahl.

Manche aktuelle Äußerung aus der deutschen Politik erinnert schmerzhaft an die Rhetorik der Vergangenheit.

Heute Damals
EU 2016:
Die EU erhöht den Druck auf die polnische Regierung. Digitalkommissar Oettinger forderte, Warschau mit einem neuen Instrument unter Aufsicht zu stellen – andernfalls könnte Warschau Stimmrechte in Brüssel verlieren. Anlass ist das umstrittene Mediengesetz. (Quelle: Tagesschau)
DDR 1981:
Honecker verlangte von Breshnew die „sofortige Einberufung“ einer Konferenz der Parteichefs aller Ostblockstaaten „zur Beratung notwendiger Maßnahmen bezüglich der polnischen Ereignisse“ (Quelle: Gedenkbibliothek.de)
Deutschland 2016:
In Wahrheit ist zwischen Ost und West ein Kulturkampf im Gange. Und es ist Zeit für eine bittere Erkenntnis: den westlichen Werten Liberalismus, Toleranz, Gleichberechtigung stehen östliche Unwerte gegenüber – Rassismus, Ignoranz, Engstirnigkeit. („Der schlechte Polenwitz“, Jakob Augstein, Spiegel)
Deutschland 1942:
Osteuropa, es kam über eine gewisse Primitivität nicht hinaus. Es sah nur Chaos, denn es fehlte ihm der Mensch, der wertvolle Kulturträger, das Genie, das systemvoll den
Aufbau des Friedens lenkte…
(Quelle: „Der Untermensch“, SS-Hauptamt beim Reichsführer SS)
Deutschland 2015: „Was sich da in Polen abspielt, hat Staatsstreich-Charakter und ist dramatisch.“ (SPD-Europaabgeordneter Martin Schulz im Deutschlandfunk) DDR 1980: „Die polnischen Genossen haben die Situation noch nicht begriffen, dass es sich um eine Konterrevolution handelt.“ (Lageeinschätzung der SED, Quelle: Herbst89)

 

Fassen wir zusammen:

  1. Polen ist nicht auf dem Weg in die Diktatur, auch die Demokratie ist nicht in Gefahr.
  2. Es gibt freie Medien und es sieht nicht danach aus, dass sich das demnächst ändert.
  3. Ich habe bisher keinen Polen kennengelernt, der Angst hat, seine politische Meinung offen zu sagen. Bei Deutschen ist das nicht immer so.
  4. Polen sind außerordentlich gastfreundlich, auch wenn sie nicht mit bunten Luftballons und Kuscheltieren an Bahnhöfen stehen.
  5. Silvester am Stadion in Warschau gefällt mir besser, als Silvester vor dem Kölner Hauptbahnhof.
  6. Wer mit Erdogan dealt, um eigene innenpolitische Probleme zu lösen, sollte zum Thema Polen die Klappe halten.
  7. Gleiches gilt für diejenigen, die Waffenlieferungen an Saudi-Arabien gut finden.
  8. Ich freue mich auf meine nächste Reise nach Polen.
  9. Lasst endlich die Polen in Ruhe. Die sind schon groß, die kommen selber klar. Egal, wer grad regiert

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1 Kommentar

  1. Noack

    So isses! Danke für Beitrag. Kann man leider problemlos auch auf die Darstellung in den deutschen Medien über andere europäische Ländern mit ähnlicher Vergangenheit übertragen.

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